11.08.2001 - Kultur News
 
Schuld & Gedächtnis
 

TV-KRITIK


Schuld & Gedächtnis.
Bisweilen sind sogar im Fernsehen, wo man diese am allerwenigsten vermutete, Formen filmischer Genauigkeit zu entdecken. Eine kleine Arbeit, kaum mehr als fünfzig Minuten lang, versteckt im Kunst-Nachtprogramm des ORF, beharrte Donnerstag abend auf Dingen, die der Television längst fremd geworden sind: auf Stille, Offenheit und (formale) Freiheit. "Amos Vogel - ein Porträt" heißt der Film, "Mosaik im Vertrauen" - im Rückgriff auf die heimische Avantgardegeschichte - der Untertitel dazu. Der österreichische Dokumentarist Egon Humer hat darin seinen New Yorker Freund Amos Vogel, 80, einen von den Nazis vertriebenen Wiener, verewigt. Als Gründer des legendären Cinema 16, als Pionier des New York Filmfestivals und als Theoretiker des Undergroundfilms ist Vogel kein Unbekannter, wenigstens nicht unter denen, die sich fürs Kino interessieren: Egon Humer gehört da dazu - sein Film ist geprägt nicht nur vom Willen, sich dem vielschichtigen Amos Vogel sensitiv zu nähern, sondern auch von dem Versuch, die Inszenierungsformen der US-Avantgarde, für die Vogel stets vehement gekämpft hat, mit zu berücksichtigen. Humers Film ist mehr als nur das kleine Porträt eines großen Mannes: Es zeichnet das Bild einer ganzen Lebenskultur, einer politischen Wachheit und exemplarischer Cinephilie, ohne dabei die große Traurigkeit zu vergessen, die der Schuld und dem Gedächtnis der Menschen unserer Zeit entspringt. St. Grissemann

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